Die Entwicklung des Begriffs Sprachbund in der Balkanlinguistik

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5. Schlussfolgerung (Ende)

Folgende Probleme ergeben sich aus der obigen Definition:

1. Die Definition enthält sehr viele Variabeln (in eckigen Klammern). Man muss nur die entsprechenden Mindest- und Höchstzahlen richtig ansetzen, und schon erhält man einen für die Balkansprachen maßgeschneiderten Sprachbund.

2. Einige weitere Begriffe bedürfen ebenfalls einer genaueren Bestimmung:

a) welche Aussagekraft haben einzelne Übereinstimmungen? Wie verhält es sich mit der Vergleichbarkeit und der unterschiedlichen einzelsprachlichen Ausprägung?

b) wo liegt genau die Grenze zwischen "nah" und "entfernt genetisch verwandt"?

c) auch der Begriff (Einzel-)Sprache ist schwierig zu fassen, umso schwieriger ist es den Begriff Sprachbund als eine übergeordnete Entität - darauf aufzubauen.

3. Die Definition ist an mehreren Punkten zirkulär: Übereinstimmungen werden mithilfe der Sprachen definiert, die Sprachen mithilfe der Übereinstimmungen

Diese Probleme sind jedoch symptomatisch für jeden Ansatz, den Begriff Sprachbund zu definieren. Das Grundproblem ist, zu entscheiden, "if a language either were or were not a member of a given Sprachbund", wie es Weinreich treffend formulierte (vgl. 4.3.3 Grundsätzliche Kritik am Begriff Sprachbund). Um diese Entscheidung treffen zu können, werden Kriterien herangezogen, die letztendlich mehr Probleme schaffen, als sie denn lösen.

An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, wozu die Balkanlinguistik diesen Begriff letztendlich braucht. Um die Balkansprachen angemessen als Vorläufer einer Mischsprache zu beschreiben, die es wohl nie geben wird? Der einzig plausible Grund, warum die Balkanlinguistik diesen Begriff braucht, ist wohl der, dass sie mit ihm ihren Arbeitsbereich absteckt. Der Objektbereich der Balkanlinguistik umfasst in erster Linie die Sprachen, die durch frühere Entscheidungen dem Balkansprachbund bereits zugerechnet wurden, in zweiter Linie die Sprachen, die geographisch an den Balkansprachbund angrenzen, und einer Entscheidung, ob sie dem Balkansprachbund angehören werden, noch harren. Der Begriff Sprachbund fand deswegen soviel Anhänger in der Balkanlinguistik, weil er ihnen einen Rahmen gab, an dem sie sich in ihrer areallinguistischen Arbeit orientieren konnten. Letztendlich spiegelt der Begriff Sprachbund keine sprachliche, sondern eine linguistische Entität wieder.

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